Human AI Agency Level: Ein Framework für die bewusste Gestaltung von Mensch-KI-Zusammenarbeit
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Die Frage ist längst nicht mehr ob KI zum Einsatz kommt, sondern wie. Und genau hier fehlt vielen Organisationen ein klares Denkmodell. Das Human AI Agency Level Modell schließt diese Lücke – abgeleitet von der "Human Agency Scale" der Stanford Future of Work Initiative.
Der Begriff Agency beschreibt hier die Handlungsfähigkeit der KI: Wie viel eigenständige Entscheidungs- und Handlungsmacht wird ihr zugestanden? Das Modell zeigt die Bandbreite – von maximaler KI-Agency (vollautonome Systeme) bis zu minimaler Agency (KI als passives Werkzeug) oder bewusstem Verzicht.
Das Grundprinzip: Human-in-the-Lead

Das Framework steht unter einem nicht verhandelbaren Dach: Human-in-the-Lead. Der Mensch behält stets die Verantwortung für Zielvorgaben, ethische Entscheidungen, Rechenschaftspflicht und Haftung. Das gilt unabhängig davon, wie autonom die KI in einzelnen Prozessschritten agiert.
Das ist keine Einschränkung, sondern eine Klarstellung: Auch wenn ein KI-Agentensystem vollautomatisch arbeitet, bleibt der Mensch in der Führungsrolle – als Architekt des Systems, nicht als Bediener.
Die sechs Stufen: Von Vollautomation bis bewusster Nicht-Nutzung
Das Modell unterscheidet sechs Stufen der Zusammenarbeit – von H1 (höchste KI-Autonomie) bis Hx (bewusster Verzicht auf KI).

H1 – Nur KI zuständig: Vollständige Automation
Die KI arbeitet eigenständig ohne menschliche Intervention. Der Mensch ist nur noch Eskalationsinstanz für Ausnahmefälle – das klassische "Human-on-the-Loop"-Modell.
Beispiele: Vollautomatische Datenanalyse und Reporterstellung. Kundenanfragen entgegennehmen und eigenständig lösen.
Die Funktion hier: Automation – KI ersetzt menschliche Fähigkeiten vollständig in diesem Prozessschritt.
H2 – Primär KI zuständig, Mensch prüft
Die KI arbeitet proaktiv und eigenständig, aber mit minimaler menschlicher Intervention an definierten Prüfpunkten. Das ist "Human-in-the-Loop" im engeren Sinne: Die KI erledigt eigenständig Aufgaben, der Mensch prüft und gibt Input an festgelegten Stellen oder auf Anfrage.
Beispiele: Aktienhandel mit menschlicher Orderfreigabe. Kritische Kundenanfragen nach menschlicher Prüfung lösen.
Die Funktion bleibt Automation, aber mit eingebauten Checkpoints.
H3 – Mensch + KI zuständig: Echte Co-Kreation
Hier wird es interessant. Mensch und KI teilen sich die Verantwortung für die Aufgabenerledigung in enger Zusammenarbeit. Die KI agiert als Arbeitspartner – proaktiv und eigenständig, aber in ständiger Abstimmung.
Das Interaktionsmodell ist Co-Kreation: Mensch und KI arbeiten in hoher Interaktion zusammen, gemeinsam oder parallel an Aufgaben.
Beispiele: Gemeinsame Ideenentwicklung, Konzepterstellung und Umsetzung einer Applikation. Gemeinsame Analyse, Erkenntnisableitung, Handlungsempfehlung.
Die Funktion hier ist Co-Intelligenz: Die KI ersetzt und erweitert menschliche Fähigkeiten gleichzeitig. Das ist der Sweet Spot für komplexe Wissensarbeit.
H4 – Primär Mensch zuständig, KI als Assistent
Der Mensch hat die primäre Verantwortung, die KI übernimmt einzelne Aufgaben. Die KI arbeitet reaktiv auf Anweisung eigenständig an definierten Aufgaben – als Assistent.
Das Interaktionsmodell ist Unterstützung: Der Mensch gibt Aufgaben zur Bearbeitung an die KI und integriert die Ergebnisse in den eigenen Arbeitsprozess.
Beispiele: Artikelentwurf nach Vorgabe schreiben lassen. Online-Kurs nach Briefingvorgaben erstellen lassen.
Die Funktion: Augmentierung – KI erweitert menschliche Fähigkeiten, ersetzt sie aber nicht.
H5 – Nur Mensch zuständig: KI als Werkzeug
Der Mensch hat volle Verantwortung für die Aufgabenerledigung. Die KI ist passiv und arbeitet nur, wenn der Mensch aktiv ist – ein reines Werkzeug.
Das Interaktionsmodell ist Nutzung: Der Mensch nutzt KI für einzelne Aufgaben oder Teil-Aufgaben, punktuell und anlassbezogen.
Beispiele: Textabschnitt umformulieren lassen. Antwort auf eine Frage erhalten.
Die Funktion bleibt Augmentierung, aber in begrenzter Form.
Hx – Keine Delegation: Bewusster Verzicht
Der Mensch erreicht Ziele und erledigt Aufgaben bewusst ohne den Einsatz von KI. Das ist keine Rückständigkeit, sondern eine bewusste Entscheidung – etwa bei ethischen Fragen oder kreativen Aufgaben, die menschliche Authentizität erfordern.
Beispiele: Ethische Frage bewusst ohne KI beantworten. Gedicht bewusst ohne KI-Unterstützung schreiben.
Die entscheidende Erkenntnis: Es gibt kein "richtiges" Level
Das Modell zeigt: Die Bandbreite möglicher Zusammenarbeitsformen ist groß. Und genau das ist der Punkt. Es geht nicht darum, möglichst viel zu automatisieren (H1) oder möglichst viel selbst zu machen (Hx). Es geht darum, für jeden Prozessschritt bewusst zu entscheiden, welches Level angemessen ist.
Anwendung im Ende-zu-Ende-Prozess

Das Modell entfaltet seine volle Wirkung, wenn man es auf einen kompletten Geschäftsprozess anwendet. An verschiedenen Stellen im Prozess kommen unterschiedliche Human AI Agency Level zum Einsatz.
Ein typischer Prozess könnte so aussehen:
- H5-Schritte am Anfang: Mensch definiert Ziele, prüft Kontext, trifft strategische Entscheidungen
- H3-Phasen in der Mitte: Echte Co-Kreation bei komplexen Analysen und Konzeptentwicklung
- H1/H2-Abschnitte für standardisierte Teilprozesse: Vollautomatisierte Datenverarbeitung mit definierten Checkpoints
- H4-Schritte für die Feinarbeit: KI liefert Entwürfe, Mensch integriert und finalisiert
Der Prozess ist nicht linear von H5 zu H1. Er oszilliert – je nach Anforderung des jeweiligen Schritts.
Was das Framework für die Praxis bedeutet
Drei Konsequenzen für Führungskräfte und Teams:
1. Bewusste Gestaltung statt Default-Automatisierung
Die Versuchung ist groß, überall H1 oder H2 anzustreben – "so viel wie möglich automatisieren". Das Framework zeigt: Das ist nicht das Ziel. Das Ziel ist die passende Stufe für die jeweilige Aufgabe.
2. Kompetenzentwicklung auf allen Stufen
Teams brauchen unterschiedliche Fähigkeiten für unterschiedliche Stufen. H3 (Co-Kreation) erfordert andere Kompetenzen als H4 (Unterstützung) oder H2 (Prüfen und Freigeben). Die Frage "Wie arbeiten wir mit KI?" wird zur Kernfrage der Personalentwicklung.
3. Governance und Verantwortung neu denken
Human-in-the-Lead ist kein Lippenbekenntnis. Es bedeutet: Klare Verantwortlichkeiten definieren, Eskalationswege festlegen, Prüfpunkte einbauen – auch und gerade bei hoher KI-Autonomie.
Nicht "Mensch oder KI?" – sondern das passende Level für jede Aufgabe
Das Human AI Agency Level Framework ist kein akademisches Konstrukt. Es ist ein praktisches Werkzeug für die bewusste Gestaltung von Mensch-KI-Zusammenarbeit. Es macht die Bandbreite sichtbar, zwingt zur Entscheidung und verhindert zwei gleichermaßen problematische Extreme: pauschale Automatisierung und pauschale Ablehnung.
Die Zukunft der Arbeit liegt nicht in der Frage "Mensch oder KI?". Sie liegt in der Frage: "Welches Agency Level ist für diese Aufgabe, in diesem Kontext, mit diesen Anforderungen das richtige?"
Die Antwort ist selten H1. Und sie ist selten Hx. Sie liegt meistens irgendwo dazwischen – und sie kann sich im Laufe eines Prozesses mehrfach ändern.
Das Modell als PDF zum Download

Updates zum Framework
Das Framework ist aktuell in der Version 0.8. Hier abgebildet ist als erster Schritt das zu Grunde liegende Modell. Entscheidungskriterien und ein praktisches Vorgehensmodell sind geplant, um das Framework zu vervollständigen.
Anwendung des Modells am Beispiel: Wie dieser Artikel entstanden ist
Dieser Artikel ist selbst ein Beispiel für das beschriebene Modell. Die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI-Agentensystem oszillierte über mehrere Stufen:
Phase | Aufgabe | Stufe |
PDF-Analyse des Modells, das separat erstellt wurde | KI analysiert und beschreibt das Modell | H4 |
Artikelentwurf | KI schreibt Blogartikel nach Briefing | H4 |
Seite anlegen | KI legt Seite in Notion an | H4 |
Überschrift umformulieren | KI formuliert Fazit-Überschrift um | H5 |
Framework-Kritik | Gemeinsame Prüfung: Ist das wirklich ein Framework? | H3 |
Namens-Kritik | Gemeinsame Analyse: Ist "Agency Level" der richtige Begriff? | H3 |
Agency-Erklärung einbauen | KI macht Vorschlag, Mensch gibt frei, KI setzt um | H4 |
Das Muster: Für klar definierte Produktionsaufgaben (Analyse, Entwurf, Umsetzung) kam H4 zum Einsatz – die KI als Assistent. Für kleine punktuelle Eingriffe H5 – die KI als Werkzeug. Die wertvollsten Phasen waren H3 – echte Co-Kreation bei den konzeptionell anspruchsvollen Fragen.
Die Qualitätsverbesserung entstand nicht durch reine Delegation, sondern durch gemeinsames kritisches Denken.
Quelle
Die Human AI Agency Level wurden abgeleitet von "Human Agency Scale" aus:
https://futureofwork.saltlab.stanford.edu/
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